Aktuelles
Artikelreihe über die Bildung der heutigen Gemeinde Bretzfeld
Erstelldatum17.09.2026
Teil 1/7
1. Die Verwaltungs- und Gebietsreform in Baden-Württemberg
Im Bundesgebiet hatte sich von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre einiges an Reformbedarf aufgestaut. Die häufig sehr kleinräumigen Verwaltungsstrukturen konnten mit den Entwicklungen der Moderne nicht mehr Schritt halten und mussten entsprechend angepasst werden. Als Mittel der Wahl galten die Verschlankung und Vereinfachung der Verwaltung durch Zusammenfassung kleinerer Verwaltungsbezirke zu größeren Einheiten. Aufgrund der erhöhten Mobilität der Bevölkerung und der Konzentration der Wirtschaftskraft in den Städten machte sich ein deutliches Stadt-Land-Gefälle bemerkbar, das durch die Reformmaßnahmen ausgeglichen werden sollte.
Auch in Baden-Württemberg, wo seit 1966 eine von Ministerpräsident Hans Filbinger geführte CDU-SPD-Koalition an der Regierung war, erkannte man die Zeichen der Zeit. Für die Reform der Staatsverwaltung zuständig war das von Walter Krause (SPD) geleitete Innenministerium. Nach der Landtagswahl von 1972 übernahm dieses Ministerium Karl Schiess (CDU). Die 1967 eingeleitete Verwaltungs- und Gebietsreform setzte in erster Linie auf den Ebenen der Kreise und Kommunen an.
Die Kreisreform wurde von 1969 bis 1973 umgesetzt. Die parallel dazu verlaufende Gemeindereform dauerte deutlich länger, von 1967 bis 1975. Danach gab es nur noch wenige Änderungen. Die Zahl der Stadt- und Landkreise konnte von 72 auf 35 reduziert werden und die der Städte und Gemeinden von 3379 auf 1111. Man setzte beim Zusammenschluss von Gemeinden zunächst auf das Prinzip der Freiwilligkeit und stellte dafür finanzielle Sonderzuschüsse in Aussicht. Nach Ablauf gewisser Fristen drohte gesetzlicher Zwang.
2. Aufschlag in Hohenlohe
Zu ersten Überlegungen zur Zielplanung der Gemeindereform im westlichen Hohenlohe kam es im Dezember 1967. Die 51 Gemeinden des Landkreises Öhringen sollten zu vier Verwaltungsräumen zusammengefasst werden. Als Mittelpunktsgemeinde eines künftigen Verwaltungsraums im Westen wurde Bretzfeld ausgewählt, vor allem wegen seiner Funktion als Verkehrsknotenpunkt und wegen des Ländlichen Bildungszentrums. Diesem Verwaltungsraum zugeordnet wurden vorerst: Langenbeutingen, Schwöllbronn (ohne Unterohrn), Bitzfeld, Schwabbach, Siebeneich, Waldbach, Dimbach, Rappach, Scheppach, Adolzfurt, Unterheimbach, Geddelsbach, Maienfels und Neuhütten.
Angesichts dieser Planungen gab der Öhringer Landrat Fritz Bauer zu bedenken, dass die von der Zusammenlegung betroffenen Gemeinden größten Wert auf Selbstständigkeit legen würden. Wegen der zu erwartenden Widerstände riet Bauer von kurzfristigen Beschlüssen ab. Der Landrat behielt auch später seine kritische Haltung bei und distanzierte sich im Herbst 1968 öffentlich von dem als wenig behutsam empfundenen Vorgehen des Innenministeriums. Auf einer Kreisratssitzung Anfang 1969 kritisierte er den inzwischen veröffentlichten „Modelfall Bretzfeld“. Nach Bauers Ansicht führe die Zusammenfassung kleinerer Gemeinden in Großgemeinden zur Entfremdung des Bürgers von der Verwaltung, außerdem bezweifelte er das Einsparpotenzial. Den geplanten Verwaltungsraum rund um Bretzfeld hielt er für unüberschaubar und die Entfernungen zur Zentrale für zu weit.
Das Gebiet, um das es ging, erstreckte sich von Neuhütten bis Langenbeutingen und umfasste (inklusive Schwöllbronn) 15 eigenständige Gemeinden. Die Einwohnerzahl pro Gemeinde lag zwischen 154 und 1269 (Stand 31.12.1966). Die drei größten Gemeinden waren Maienfels, Neuhütten und Langenbeutingen; von den heutigen Teilorten war Bretzfeld die größte Gemeinde. Die wenigsten Einwohner hatten Geddelsbach und Siebeneich. Der Raum war agrarisch geprägt, doch der Strukturwandel machte sich bereits bemerkbar, da die meisten Bewohner nicht mehr in der Landwirtschaft tätig waren.
Häufig wurden mehrere Gemeinden von einem ausgebildeten Fachbürgermeister gemeinschaftlich verwaltet, so in Adolzfurt/Unterheimbach (Wilhelm Mann, ab 1971 Andreas Ebner), Bitzfeld/Verrenberg (Walter Haiber), Maienfels/Geddelsbach (Ernst Dietrich), Bretzfeld/Dimbach/Waldbach (Hermann Wörner) und Langenbeutingen/Schwöllbronn. Nichtfachliche Bürgermeister amtierten in Schwabbach/Siebeneich (Emil Bräuninger) sowie in Rappach (Friedrich Unfried) und Scheppach (Hermann Holwein). Diese sogenannten „bäuerlichen Bürgermeister“ wurden in amtlichen Angelegenheiten von einem beim Landratsamt angesiedelten Verwaltungsaktuar unterstützt. Den Bürgermeistern kam im Reformprozess eine bedeutende Rolle zu, doch konnten sie nicht alleine über die Geschicke ihrer Kommune bestimmen, denn alle Entscheidungen, die das Existenzrecht der Gemeinde betrafen, waren vom Gemeinderat zu beschließen.
Auf einer SPD-Tagung in Heilbronn im Mai 1969 bezeichnete der Heilbronner Oberbürgermeister (OB) Hans Hoffmann die angesichts der Reformpläne zögerlichen Bürgermeister kleinerer Landgemeinden als „kleine Fürsten, die um ihren Thron bangen“. Die finanzielle Unterstützung des ländlichen Raums, etwa durch Fördermittel für Gemeindezusammenschlüsse, hielt er für sinnlos. Die Kritik an diesen Äußerungen ließ nicht lange auf sich warten. Landrat Bauer attestierte dem Heilbronner OB unter anderem, dass er offenbar keine Ahnung habe, welche Entwicklung Hohenlohe in den vergangenen 20 Jahren durch Landesunterstützung genommen habe. „Dieser kalte Wind aus Heilbronn hat uns in all dem derzeitigen Planungsrummel ernüchtert, er wird uns veranlassen, unser Verhältnis zum geplanten Oberzentrum Heilbronn genau zu überdenken und nach neuen Wegen zu suchen,“ so Bauer. Die Bemerkung über die „kleinen Fürsten“ empfand er als „Taktlosigkeit“.
Hoffmanns Worte fanden auch Widerhall in der ersten öffentlichen Reaktion eines örtlichen Bürgermeisters auf die Reformpläne. Am 28.5.1969 veröffentlichte die Hohenloher Zeitung (HZ) unter dem Titel „Fragezeichen zur Verwaltungsreform“ eine Stellungnahme von Emil Bräuninger, dem Amtsinhaber in Schwabbach/Siebeneich. In ihr bündelte sich die grundlegende Kritik, die der Regierung aus den Gemeinden entgegenschallte.